Schmerztherapie mit imaginativen Verfahren

Die Fähigkeit eines Menschen sich etwas vorstellen zu können, wird als Imagination bezeichnet. Der Patient in der Schmerztherapie bringt also die Fähigkeit zur Vorstellung bereits mit. In der Therapie wird diese menschliche Fähigkeit nutzbar gemacht. Wenn von Imagination gesprochen wird, dann ist damit nicht nur das Sehen gemeint. Auch das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Fühlen sind über die Imagination aufrufbar. Manchen Menschen fällt es leicht, sich ein Bild vorzustellen, für Andere ist es leichter sich einen Geruch oder einen Klang vorzustellen. Es geht also bei der Imagination auch darum, das momentane innere und äußere Erleben in der Wahrnehmung zu verändern.
Ein Beispiel:
„Stellen Sie sich jetzt im Moment einmal vor, an einem Ort zu sein an dem Sie sich ganz wohl und geborgen fühlen!“ Wenn Sie sich einen Moment Zeit geben, und bei der Aufforderung bleiben, dann taucht das Bild eines Ortes auf. Vielleicht sind es am Anfang auch zwei Orte, die sich abwechseln, bis ein Bild klarer wird. Wenn Sie sich weiter Zeit geben, dann wird die Imagination immer vollständiger. Auch über Fragen, die Ihnen jemand zu Ihrer Vorstellung stellt, wird das Erleben der Vorstellung intensiver: Wie warm oder kalt ist es dort an dem Ort? Und welche Tageszeit und Jahreszeit ist in dem Bild zu sehen? Wie sind die Geräusche und wie ist das Licht? Über die Fragen erscheint die Imagination immer wirklicher.

Der Wissenschaftler Antonio Damasio (2000) hat sich u.a. intensiv mit den Prozessen und Auswirkungen von Vorstellungen im „Inneren“ (Organismus) des Menschen beschäftigt. Er beschreibt, dass während der Vorstellung eines Menschen im Gehirn die gleichen Prozesse ablaufen, wie die Prozesse, die zu beobachten sind, wenn dieser Mensch das, was er sich vorstellt, wirklich erlebt. Die Vorgänge scheinen nur schwächer zu sein. Wenn ich also in meiner Vorstellung an den Ort gehe, an dem ich mich wohl und geborgen fühle und dieser Ort in meiner Imagination z.B. eine bergige Landschaft ist und wenn ich auf einem schmalen Waldweg gehe, ich rieche die gute Luft mit einem Duft von Waldboden, spüre die Kühle an meinen Wangen, den Rucksack auf meinem Rücken, die Schritte in den Wanderstiefeln und ich kann mir vorstellen, wie ich langsam warm werde vom Gehen und das Bild von Blaubeeren und deren Geschmack in meinem Mund deutlicher wird, dann laufen in meinem Gehirn ähnliche Prozesse ab, als würde ich all diese Eindrücke an diesem Ort real erleben.
Diese Prozesse sind auch vergleichbar mit dem, was in einem Nachttraum passiert. Vielleicht haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie im sichersten Bett der Welt liegen und gleichzeitig erleben Sie im Alptraum, wie Sie sich verfolgt und bedroht fühlen und nach einer Weile wachen Sie auf. Sie erleben, dass ihr ganzer Organismus mit in das Erleben einbezogen wurde. Sie sind schweißnass von der Flucht, das Herz schlägt aufgrund der Bedrohung, die Gedanken rasen, die Muskeln sind angespannt und ihr ganzer Körper ist bereit zur Flucht. Dabei liegen Sie im sicheren Bett. Damit wird deutlich, dass wir über innere Bilder/Vorstel-lungen unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Das macht sich die Schmerztherapie mit Imaginationen zu nutze.
Gerade zu Beginn der Imaginationsarbeit ist es wichtig, dass ein Therapeut die Erfahrungen einleitet und begleitet. Wenn Sie anfangen, Ihre Vorstellungen nicht nur bewusster wahrzunehmen, sondern auch willentlich zu beeinflussen, dann ist es genau so, wie wenn Sie lernen ein Instrument zu spielen. Es braucht Ăśbung und einen guten Lehrer und in diesem Fall einen Therapeuten oder jemanden, der Erfahrung mit diesen Methoden hat.

ImaginationsĂĽbungen in der Schmerztherapie sind mehr als nur eine Ăśbung zur Entspannung. Unsere Vorstellungskraft spielt dabei eine sehr groĂźe Rolle. Sie bestimmt, welcher Eindruck klar und intensiv wahrgenommen wird und was im Hintergrund verschwindet.
Wie bei einer Kamera gleichen unsere Vorstellungen einem Filter, der das Gesamtbild der Wahrnehmung bestimmt. Das ist ein aktiver und höchst individueller Vorgang, den wir in jedem Moment gestalten, wenn wir wahrnehmen. Diese Vorstellungen tragen auch dazu bei, dass ein Mensch Schmerzen stark, ohnmächtig, verzweifelt erlebt und am anderen Tag eher hoffend, freudig, fragend eine leichte Milderung des Schmerzes erlebt.

Oft sieht es zu Beginn einer psychologischen Schmerztherapie so aus, als gäbe es nur einen Ton in der Wahrnehmungsmelodie und der heißt: „Schmerz“. Der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit ist so fest auf diesen Schmerz gerichtet, dass der Patient nichts Anderes wahrnehmen kann. Eine Patientin sagte, dass sie jeden Morgen nach dem Wachwerden als erstes schaut, was der Schmerz heute sagt. Sie schaut ängstlich nach innen und macht immer wieder die Erfahrung: “ Er ist schon da.“ Oft sagen Patienten, dass sie erst durch die Schmerzerkrankung gelernt haben auf diese inneren Prozesse zu achten.

In der Anfangsphase der Imaginationstherapie empfinden die meisten Menschen die Aufforderung sich einen angenehmen Ort oder das Liegen auf einer Wolke vorzustellen als Überforderung. Es will einfach nicht gelingen, weil diese Vorstellung zu weit entfernt ist, von dem, was jetzt im Moment wahrnehmbar ist und das ist der Schmerz. In der Therapie gehen wir dann von dem Bild aus, welches im Moment vorherrschend ist, auch wenn es Bilder des Schmerzes sind. Es ist interessant, dass wir auch mit dem Schmerzempfinden so arbeiten können, wie mit den vorgestellten Bildern. Wenn der Therapeut fragt, welche Farbe hätte der Schmerz, wenn er eine Farbe hätte, taucht eine Farbe auf. Wie wäre es, wenn er ein Klang wäre und ist der Schmerz ruhig, starr oder pulsierend?
Zu Beginn der therapeutischen Arbeit werden Sie vielleicht aufgefordert sich für einen Moment auf die Atmung zu konzentrieren. Indem Sie das tun, lenken Sie den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit vom Schmerz weg hin zur Atmung. Diese kann ein erstes Gegengewicht zum Schmerz sein. Auch wenn der Schmerz stärker ist, ist es möglich, die Bewegung der Atmung wahrzunehmen. Danach entscheiden Sie, ob Sie die Augen schließen mögen. Eine bewusste Vorstellung ist auch mit geöffneten Augen möglich. Es kann hilfreich sein, die Muskulatur etwas zu lösen und zu entspannen, aber auch das ist nicht zwingend.
Die Therapeutin bittet Sie dann z.B. sich eine Landschaft, eine Farbe oder auch ein Motiv zum Schmerz vorzustellen und zumeist machen Sie dann die Erfahrung, dass man nicht lange nachdenken muss: Welche Landschaft nehme ich denn? Sondern ein Bild taucht auf, ganz von alleine und oftmals ist der Patient überrascht, welches Bild nun auftaucht. In dem Sie das Vorstellungsbild während der Imagination in Worte fassen, werden Gefühle und feste Gedanken sichtbarer, die sich über die Zeit hinweg zum Schmerz gesellt haben.
In dem Sie ihre „inneren“ Vorstellungen kennen lernen, kommt es zu einer
verbesserten Wahrnehmung des Körpers und der GefĂĽhle. Sie werden die Erfahrung machen, dass Sie ĂĽber Imaginationen die körperlichen Empfindungen, ihre Gedanken und GefĂĽhle besser unterscheiden und auch besser regulieren können. Gleichzeitig wird ĂĽber den Therapieprozess deutlich, welche Beziehung Sie zu Ihrem Schmerz haben und die Beeinflussbarkeit des eigenen Verhaltens verändert sich sehr schnell. Wenn ein Schmerzpatient mehr Bewusstheit ĂĽber die vertrauten Vorstellungen gewinnt und neue Imaginationen zu seinem Schmerz erprobt, kann er  sich dem Schmerz gegenĂĽber anders verhalten. Ăśber ein neues Verhalten verändert sich auch der Schmerz, weil sich ĂĽber diesen Prozess das Gehirn verändert und der Schmerz darin eine andere Intensität bekommen kann.
Autorin:  Kornelia Gees