Nervenschmerz

Begriffsbestimmung
Nervenschmerzen (neuropathischer Schmerz) entsteht als direkte Folge einer Störung oder Erkrankung mit Beteiligung des für die Wahrnehmung sensibler Reize verantwortlichen Teil des Nervensystems. Diese Art der Schmerzen unterscheiden sich von allen anderen Schmerzen (zum Beispiel Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Tumorschmerzen) insofern, als die zuletzt genannten Schmerzen durch Aktivierung der für die Wahrnehmung von Schmerz verantwortlichen Nervenendigungen in den Geweben des Körpers entstehen. Sog. „neuropathische“ Schmerzen entstehen nach vorausgehender Nervenschädigung durch Aktivierung der Schmerzbahn in ihrem Verlauf. Diese Aktivierung der Schmerzbahn nach Nervenschädigung kann in den Gefühlsnerven verschiedener Gewebe (oft ausgehend von der Haut) oder aber in Rückenmark oder Gehirn stattfinden. Für den Nachweis neuropathischer Schmerzen ist es wichtig, das Verteilungsmuster, die Stärke und Qualität der Schmerzen zu untersuchen, also zum Beispiel wie „brennend“, „bohrend“ oder „stechend“ der Schmerz ist.

Eine schmerzhafte Nervenschädigung ist immer dann anzunehmen, wenn die Gefühlsstörungen dem Versorgungsgebiet eines Gefühlsnervs im Gewebe entsprechen, oder das Muster der Schmerzausbreitung zum Versorgungsgebiet geschädigter Nervenwurzeln, Rückenmarksabschnitte oder Gehirnbereichen passen. Zum Beispiel kann ein Bandscheibenvorfall, der auf die 5. Nervenwurzel der Lendenwirbelsäule drückt, zu einem Taubheitsgefühl und einer Schmerzausstrahlung außen seitlich am Bein entlang über den Vorderfuß zur Großzehe hin führen. Dabei können auch zugehörige Muskeln gelähmt sein, so dass der Fuß schlechter angehoben werden kann.

Wie wird die Diagnose gestellt?
Die Diagnose eines neuropathischen Schmerzes kann mit umso größerer Sicherheit gestellt werden, je mehr übereinstimmende Hinweise im Rahmen der Untersuchung eines Patienten gefunden werden. Der Untersuchungsablauf sollte eine körperliche, klinisch-neurologische Untersuchung (Prüfung der Hautempfindlichkeit, Reflexe und Muskelkraft) beinhalten, die durch eine Schmerzzeichnung, Schmerzfragebögen und weitere Spezialtests ergänzt wird. Diese Tests prüfen die Funktion von Nervenfasern verschiedener Gewebe (zum Beispiel: QST = quantitative sensorische Testung zur Prüfung der Hautempfindlichkeit; siehe auch Schmerzdiagnostik; Neurographie = Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit; SEP = somatosensibel evozierte Potenziale zur Prüfung der gesamten Gefühlsbahn von der Haut über das Rückenmark bis ins Gehirn). Oft kommen auch bildgebende Verfahren zum Einsatz wie eine Computertomographie oder Kernspintomographie (MRT = Magnetresonanztomographie), die eine Nervenschädigung sichtbar machen können. Ein Beispiel hierfür ist eine MRT der Lendenwirbelsäule, die zeigt, dass ein Bandscheibenvorfall eine Nervenwurzel bedrängt.

Krankheitsbilder
Andere Formen neuropathischer Schmerzen sind zum Beispiel eine Polyneuropathie (Erkrankung vieler Nerven), die unter anderem im Rahmen einer Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) zu einem Brennschmerz der Füße führen kann. Ein anderes Beispiel betrifft Schmerzen über der Haut, die sich Wochen oder Monate nach dem Auftreten einer Gürtelrose (Herpes zoster) bei einigen Patienten entwickeln können.
Auch nach Nervendurchtrennungen nach Operationen oder Unfällen entstehen Nervenschmerzen und auch das bis heute nicht komplett verstandene Krankheitsbild des Phantomschmerzes, wenn Schmerzen dort gespürt werden, wo vor einer Amputation Arm oder Bein waren. Wenn Nerven gedrückt werden (Engpass-Syndrome, z.B. ein Karpaltunnel-Syndrom am Handgelenk) kommt es ebenfalls zu Nervenschmerzen und weiteren Ausfällen mit Taubheitsgefühl und Muskellähmung.
Die Behandlung von Nervenschmerzen – sofern keine Operation zur Entlastung des Nerven möglich ist – gestaltet sich oft schwierig und wird vor allem mit Medikamenten durchgeführt (siehe Schmerztherapie) – zumindest so lange bis sich die geschädigten Nerven zumindest teilweise regeneriert (erneuert) haben.
Autor: Roman Rolke