Nach 38 Jahren vom Schmerz getrennt

Frau P. ist 54 Jahre alt und seit 38 Jahren Schmerzpatientin Sie ist verheiratet, leitende Sparkassenangestellte, hat drei Kinder und zwei Enkelkinder. Im Alter von 15 Jahren verunglückte sie bei einem Schulausflug. Auf einem eingleisigen Bahnabschnitt prallt der Ausflugsschienenomnibus mit voller Wucht gegen einen entgegenkommenden Güterzug, der fälschlicherweise auf dieses Gleis geleitet worden war. 41 Kinder und fünf Erwachsene starben bei diesem Bahnunglück; 21 Kinder überlebten schwerstverletzt, darunter auch die heute 54 Jahre alte Frau P. Sie erlitt bei diesem Unfall einen Beckenbruch, einen Brustwirbelbruch, eine Hirnprellung und mehrere weitere äußere Verletzungen. Der ganze Ort stand unter Schock.

An die ersten sechs Wochen im Krankenhaus hat Frau P. keine Erinnerungen. Sie soll während der Nacht im Krankenbett „getobt“ haben. Nach acht Wochen erfuhr sie auf eigenes Drängen, was mit ihr und den anderen passiert war. Sie selbst hat bis heute keine Erinnerung an den Unfall und konnte den Erzählungen zunächst keinen Glauben schenken.

Nach sechs Monaten verließ Fr. P. das Krankenhaus. In einem Gutachten der Unfallversicherung, noch während des Krankenhausaufenthaltes, wird ausgeführt, dass sie sich „besonders psychisch sehr gut erholt habe und nur noch unter gelegentlichen Schwindelgefühlen und verschlechterten Gedächtnisleistungen leide“. Der gleich Gutachter verneinte drei Jahre später einen ursächlichen Zusammenhang zwischen. Ihre zunehmenden Kopfschmerzen ständen in keinem Zusammenhang mit dem Unfallereignis.
Frau P. verlor durch das Unfallereignis ihren gesamten Freundeskreis und war nicht mehr in der Lage, irgendeine von ihr geliebte Sportart weiter zu betreiben. Sie habe weder über die Geschehnisse weinen können, noch habe sie bei Besuchen auf dem Friedhof Betroffenheit gespürt. Fr. P. beschreibt ihren Zustand als wie „erfroren“. Sie kämpfte nach dem Krankenhausaufenthalt zunächst gegen drängende Selbstmordgedanken. Schließlich habe sie „zwei Persönlichkeiten“ entwickeln müssen. Eine, die stark sein und kämpfen musste, und eine andere, die sich „ausgeliefert, bevormundet, unverstanden und mutterseelenallein fühlte“. Psychotherapeutischen Beistand habe es zu dieser Zeit weder für die Überlebenden noch für die Angehörigen der Verunglückten gegeben. Die Eltern, selbst überfordert, seien dem Thema aus dem Weg gegangen. Frau P. begann das Geschehene zu verdrängen.

Im Ort wurde sie zunehmend als „die Überlebende“ gemieden, sogar von den Eltern der toten besten Freundin. Sie erfuhr ihr Überleben durch die Umwelt als tiefes Unrecht. Sie entwickelte Schuldgefühle und Unverständnis. Unter der Reaktion der Umwelt habe sie mehr gelitten als unter den Schmerzen. Zwei Jahre nach dem Unfall wurde, in der Hoffnung auf ein besseres Gangbild und Schmerzlinderung, ihre Hüfte versteift und im darauf folgenden Jahr die Metallplatten entfernt. Die Operationen verbesserten zwar etwas ihr Gangbild, eine Schmerzlinderung erbrachten sie nicht. Die seit dem Unfall bestehenden Kopfschmerzen und Gelenkbeschwerden behandelte sie zunächst mit einfachsten Schmerzmitteln. Ihren großen Wunsch, Sportlehrerin zu werden, musste sie nun endgültig „zu Grabe tragen“, wie so viele ihrer Ziele in der Folgezeit.

Dennoch meisterte sie ohne Verzögerung eine Banklehre, heiratete fünf Jahre später ihren jetzigen Ehemann und bekam drei Kinder. Beruflich entwickelte Fr. P. einen „besonderen Arbeitseifer“ und engagierte sich zusätzlich noch in mehreren sozialen Projekten - oft bis zu 18 Stunden am Tag. Sie habe sich „regelrecht in die Arbeit gestürzt“. Ihre Mutter verstarb 49-jährig bei einem Autounfall und ihr Vater 60-jährig an einem Herzinfarkt.
Als zusätzliche Belastungen erlebte Fr. P. den „ständigen Kampf mit der Bundesbahn und den Gutachtern um die Anerkennung ihrer Folgeschäden und der Gewährung von Behandlungen.

Zwanzige Jahre nach der Hüftversteifung, erfolgte auf Grund von zunehmenden schmerzbedingten Bewegungseinschränkungen eine ebenfalls mit großer Hoffnung verbundene Hüftumstellung. Auch weitere Eingriffe u.a. am Knie brachten keine Besserung. Nach diesen erfolglosen Eingriffen entschloss sich Fr. P., sich keinen weiteren ärztlichen Behandlungen mehr „auszuliefern“. Sie war innerlich empört und enttäuscht über die fehlenden medizinischen Fortschritte. Mittlerweile litt sie auch unter einer „extremen Angst“ vor Krankenhäusern, Spritzen und allem, was Scherzen macht. Der zunehmende berufliche und private Eifer wurde begleitet von sich ständig verstärkenden Schmerzen, die sie auf Folgeerkrankungen (u.a. Arthrose in mehreren Gelenken) zurückführte.

Aus der Panik heraus, die Schmerzzustände könnten sich bis zu einer Rollstuhlpflichtigkeit verschlimmern, unternahm sie doch weitere medizinische Abklärungen und Behandlungsversuche. Von der Ăśberzeugung getrieben -  „wenn es dem Körper besser geht, geht es auch meiner Seele besser“ - war sie sogar zu weiteren Operationen bereit.
Dann brach ihre „Selbstbeherrschung“ zusammen. Aus dem Erleben heraus, eine Behinderte zu sein, der man nicht mehr helfen kann, kam es zu massiven Selbstmordgedanken. Innerlich habe sie schon begonnen, sich von ihrer Familie zu verabschieden. Dann erfuhr sie, dass ihr Sohn Vater werden wĂĽrde. Daraufhin entschied sie sich „weiter zu kämpfen“. Sie begab sie sich erstmalig in eine psychotherapeutische Behandlung. 
Ihr Psychotherapeut schrieb, „dass Frau P. über all die Jahre bemüht gewesen sei, mit außerordentlich großer Disziplin und unter ständiger Anspannung, Gefühlszustände von Traurigkeit, Angst, Verzweiflung und Wut zu unterdrücken und zu kanalisieren, und dass diese Seite der unterdrückten Gefühle nun immer häufiger in das Alltagsleben hineindrängen und sich in der bisher gewohnten Weise nicht mehr kontrollieren lassen“.

Diese Gespräche hatten „nur“ einen stĂĽtzenden Charakter. Eine Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit mit Förderung des GefĂĽhlsausdrucks konnte Frau P. nicht zulassen. Sie habe, trotz mehrerer Versuche des Psychotherapeuten, „standgehalten“. 
Zeitgleich sagte ein Gutachter, dass er „keine Hinweise auf eine posttraumatische Belastungsstörung finden kann“. Aus seiner Sicht handele es sich lediglich um eine Anpassungsstörung als Folge der körperlichen Behinderung und ihrer Schmerzen. Seine Bewertung ergab sich u.a. aus der Tatsache, dass „Frau P. ja in der Lage war, das Unfallereignis distanziert zu beschreiben“.

In einer Schmerzklinik wurde ihr der Vorschlag gemacht, sich wegen ihrer Schmerzen auf ein einfaches Schmerzmittel zu beschränken, was sie empörte.
Deshalb setzte sich der Hausarzt dafĂĽr ein, dass sie einer weiteren Fachabteilung fĂĽr  Schmerztherapie vorgestellt wurde, die ihr erstmalig ein Morphin verschrieb. Obwohl sie Medikamente zu „hassen“ gelernt hatte, erhoffte sie sich eine Linderung, die auch tatsächlich ein Viertel Jahr anhielt. Enttäuscht stellte sie fest, dass sie auch unter der Morphinmedikation keine grundsätzliche Schmerzfreiheit erreichte, obwohl die Tages-Dosis im Laufe der Zeit versechsfacht wurde.

Ihre psychische und physische Verfassung verschlechterte sich zunehmend.
2005 erhielt sie erstmalig einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik,  die ein Behandlungskonzept  mit multimodaler und interdisziplinärer Ausrichtung vorhielt. Im Rahmen der diagnostischen Klärung wurde sie auch einem Psychologen und Fachärztin fĂĽr Psychosomatische Medizin vorgestellt. Die Fachärztin regte an, Frau P. an der Schmerz-Info-Gruppe teilnehmen zu lassen. Diesem Vorschlag stimmte sie nur vordergrĂĽndig zu, da sie ja „richtige“ Schmerzen hatte. Was sie während der Teilnahme gelernt oder empfunden hatte, offenbarte sie erst in einer Unterredung, die zwei Jahre später, während eines erneuten Aufenthaltes, stattfand.

„In der ersten Stunde der „Schmerz-Info-Gruppe“ zum Thema „Körper, Geist und Seele“ dachte ich zuerst, was erzählen die mir da. Mir geht es schlecht, weil ich Schmerzen habe. Da aber in den vielen Jahren nichts geholfen hatte und ich immer tiefer ins Loch zu fallen drohte, versuchte ich genauer zuzuhören und stellte fest, „Die reden mir von der Seele. Ich konnte es nicht glauben, aber es stimmte jeder Punkt, der uns vermittelt wurde. In der Vergangenheit wurden von den behandelnden Ärzten immer mal wieder psychologische Zusammenhänge behauptet, aber ich habe sie einfach nicht nachvollziehen können.“

Sie habe durch die Teilnahme an der Schmerz-Info-Gruppe „einen tiefen Anstoß bekommen“, jetzt etwas in ihrem Leben zu ändern. Zunächst habe sie sich zu einem Morphinentzug entschlossen. Diese Entzugsbehandlung sei die „reinste Hölle“ gewesen. „Es ging nicht von jetzt auf gleich“. In den darauf folgenden zwei Jahren habe sie tief greifende Veränderungen durchgemacht. Sie sei „vom ich muss, zum ich will gekommen“; sie habe ihr „verlorenes Ich wieder gefunden“. „Heute kann ich „nein“ sagen, habe gelernt meinen Körper und meine Behinderung zu akzeptieren. Ich gehe heute mit Ruhe, Entspannung, positiven Gedanken und Reha-Sport mit meinen Schmerzen um. Beruflich habe ich die Arbeit auf 3,5 Std. pro Tag reduziert, habe die Leitung der Abteilung abgegeben und mache in meiner Freizeit häufiger Dinge, die mir Ruhe und Entspannung geben.“

Frau P. nimmt keinerlei Schmerzmittel mehr. Ihre „innere Unruhe“ dämpfte sie noch mit einem Beruhigungsmittel, welches sie inzwischen auch abgesetzt hat. Sie fragte sich nun immer öfters, inwieweit sich das „verdrängte Geschehen“ noch negativ in ihr auswirke. Sie habe mit dem damaligen Psychotherapeuten nur die allgemeine Lebenssituation besprochen. Bisher habe sie niemanden an den Gefühlen teilhaben lassen, weil sie es „allein schaffen wollte und Angst vor dem habe, was dann hoch kommen könne“. Erstmalig entstand in ihr selbst der Wunsch nach psychologischen Gesprächen, die sie in einer auf chronischen Schmerz spezialisierten Reha-Klinik begann und bei einer psychologischen Traumatherapeutin am Heimatort fortsetzte.

Nach 25 Einzelsitzungen am Heimatort, berichtete sie, dass es ihr gesundheitlich „rosig“ ginge. Durch die Psychotherapie habe sie jetzt  ihre Panik vor dem Autofahren im Winter und ärztlichen Untersuchungen ĂĽberwunden, könne auch mit den Ă„ngsten um das Wohl ihrer Kinder besser umgehen und habe ohne jegliche medikamentöse Hilfe lange schmerzfreie Zeiten, weil sie sich weniger „innerlich“ anspannen wĂĽrde. 
Autor: Hans-GĂĽnter Nobis