Eine Gruppe Aufgegebener

Sie waren Teilnehmer an einem Forschungsprojekt. Es sollte die Wirksamkeit eines neuen Programms zur Behandlung von chronischem RĂĽckenschmerz untersucht werden. Frisch geduscht, etwas abgekämpft aber schwatzend und lachend wie eine pubertierende Schulklasse kamen sie gleich im Pulk. Erwachsene Frauen und Männer, die am Vormittag in Kraftmaschinen geschwitzt hatten. Im Ausdauertraining hatten sie nicht nur einige Runden Schwimmen absolviert, sondern ein hartes Konditionstraining durchhalten mĂĽssen. Jetzt, nach dem Mittagessen, wurde nicht weniger von ihnen verlangt. Ich freute mich, sie zu sehen und bewunderte ihren Mut. Ich war auch dankbar. Sie hatten uns vertraut und allen Bedenken getrotzt. KopfschĂĽtteln der Familie und Kollegen ertragen und ihre eigenen Ă„ngste im Ambulanzsekretariat abgegeben. Seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, hatten sie schwerste RĂĽckenschmerzen; sie waren nicht selten operiert, wo man besser nicht operiert hätte. Sie hatten im Schlamm aus der Eifel gelegen und so manchen Kurpark durchwandert; in ihrer Heimatstadt kannten sie viele Arztpraxen von innen; zuletzt meinten sie von den hochgezogenen Augenbrauen der Arzthelferinnen den stummen Seufzer ablesen zu können „ oh, nicht der (oder die) schon wieder! „ . Der Arbeitsplatz war in Gefahr, einige hatten schon notgedrungen die Rente eingereicht, weil die Krankenkasse nicht mehr zahlte. Verzagtheit, Wut, Resignation beherrschten Herz und Verstand. 

Als wir ihnen vor Wochen unser Programm vorstellten, wollten die meisten wieder gehen. Sie, die froh waren, wenn sie die Treppe zur Wohnung bewältigt hatten, denen auch die beste Matratze keinen erholsamen Schlaf verschaffte, sollten ein Kraft- und Ausdauertraining absolvieren, dazu ein ausgeklügeltes Arbeitsprogramm durchlaufen, das sowohl berufliche Tätigkeiten als auch Hausarbeit simulierte. Sie hätten nichts sagen müssen, man sah ihnen an, dass sie uns für völlig überdreht hielten. Als auch noch Psychotherapie als ein Behandlungsbaustein auftauchte, äußerten sie ihr Befremden eindeutig: Noch hatten sie es nur im Rücken und nicht im Kopf! Wieso jetzt Aktivität als Wunderdroge, wo bislang alle Ärzte neben Spritzen, Bädern, Pillen und Massagen dringend Ruhe und Schonung gepredigt wurde.

Nicht nur das! Sie hatten doch am eigenen Leibe gespürt, dass jede körperliche Anstrengung Schmerzverstärkung zur Folge hatte und deswegen ihre Aktivitäten auf das Nötigste beschränkt. Ich wusste, was sie dachten, hatte es in Gesprächen immer wieder gehört. Wenn nicht »die Bandscheibe" ins Feld geführt wurde, dann war „Verschleiß" die schulterzuckend gemurmelte Diagnose ihres Doktors, als er mit dem Finger auf ihre röntgensdurchsichtige Wirbelsäule tippte.

Welch vernünftiger Mensch würde etwas, was verschlissen war, mutwillig belasten? Die Hausfrauen unter ihnen kannten Omas leicht verschlissene Leinendecke, die trotz Feinwaschmittel mit jeder Wäsche ein bisschen brüchiger wurde. Kurz und gut: die verschlissene Wirbelsäule war doch eine Tatsache, was sollte Aktivität daran ändern? Nichts, im Gegenteil „Sport ist Mord „, im Rollstuhl würden sie landen!, so ihre einhellige Meinung.

Und was sollten die Kollegen oder die Familie denken, wenn sie denen erzählten, dass sie in Fitnessgeräten und Kraftmaschinen trainieren sollten, wo sie seit Monaten arbeitsunfähig waren oder die Hausarbeit nur noch mit Hilfe der Schwiegermutter bewältigen konnten. Und dann auch noch Psychotherapie! „Ich hab doch keine Macke, die Psychos sind doch selber nicht ganz klar !", machte sich ein Teilnehmer entrüstet Luft, die anderen nickten.

Eine heikle Situation war entstanden, Feindseligkeit atmete heftig durch den Raum. Mit der Eröffnung, sie sollten an einer Psychotherapiegruppe teilnehmen, waren wir an dem berühmten wunden Punkt angelangt.

Hatten sie in letzter Zeit nicht alle schon mal das GefĂĽhl gehabt, die Ă„rzte hielten sie fĂĽr Simulanten? Warum fragten die sonst plötzlich nach Schwierigkeiten im Beruf oder zu Hause? Ob's mit dem Sex noch klappte und so. Bei den Schmerzen ist doch Sex das letzte, an was man denkt! Die Schmerzen waren jedenfalls nicht eingebildet! Basta! 

Das glaubten wir auch nicht. Ich versuchte zu erklären, dass ich als Psychologin durchaus nicht für "eingebildete Kranke oder andere „Verrückte zuständig war. Mein Thema sei das Erleben und Verhalten von ganz „normalen'' Menschen, sofern es die überhaupt gibt. Mich interessierte, was unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen beeinflusst und wie alles zusammen den Körper auf Trapp bringt.

Mich interessierte, wie wir wann was lernen und warum vergessen. 

Warum lässt Ablenkung den Schmerz verschwinden und warum tun wir uns so schwer, uns selbst zu stechen? 

Wie schaffe ich es, dass mir beim Gedanken an den Zahnarzt plötzlich gar nichts mehr weh tut? Und, und ...

Es sei also durchaus keine „Macke" nötig, um mit der Psychologie in BerĂĽhrung zu kommen. Unser Team war in dieser Zeit, ich muss es leider sagen, insofern „fein raus", als unsere Patienten, wie man im Medizinerjargon sagt, „austherapiert" waren. 

Unser Programm war ihre letzte Chance und da schluckten sie die Kröte „Psychologie". Das Leben ist eben nicht immer gerecht. Jetzt sind wir schon in der 18. Therapiestunde und haben herauszufinden versucht, inwieweit Gedanken, Gefühle, Erwartungen, Hoffnung aber auch Wut und Verzweiflung Schmerzen beeinflussen. Wir haben nach Situationen gefahndet, in denen Schmerzen verstärkt auftraten oder wie von Zauberhand verschwanden, wo der Schmerz geholfen hat, Konflikte nicht lösen zu müssen, wann war der Schmerz ein Kumpel gewesen und hat geholfen, etwas zu bekommen, was sonst nicht zu erreichen war?

Sie machten es mir ganz schön schwer. Sie waren ja auch Schmerzexperten und hatte ihre eigenen Theorien. Wir hatten lebhafte Diskussionen an der sich fast alle beteiligten. Einer nicht!

Manfred, ein 46 jähriger Mann, schlank. Obwohl er relativ groß war, wirkte er durch seinen leicht nach vorne gebeugten Oberkörper und die hochgezogenen Schultern kleiner. Er war leitender Angestellter in einem mittelständigen Betrieb, seit 11/2 Jahren krank geschrieben, das heißt kurz vor dem Ende der Krankengeldzahlung. Verheiratet. Er war von einer unauffälligen Fürsorglichkeit. Mir war aufgefallen, dass er Stühle für die Gruppe zurechtrückte und Türen aufhielt. Während der Sitzungen signalisierte seine Mimik Aufmerksamkeit, auf seine Gefühle war allerdings nicht zu schließen, er beteiligte sich mit keinem Wort an irgendeinem Gruppenthema.

Ich lieĂź ihn in Ruhe, niemand muss mĂĽssen, ist meine Devise. Ein aufmerksamer Zuhörer kann durchaus auch von der Gruppe profitieren. Unsere Stunde begann mit der ĂĽblichen „Was hat mich seit gestern beschäftigt - Runde "; es war häufig so, dass unsere Diskussion oder ein Rollenspiel vom Vortag seinen Nachklang entfaltete und das Gespräch wieder aufgenommen wurde, manchmal waren wir der Lösung eines speziellen Problems auch noch kein StĂĽck näher gekommen und unsere Gehirne hatten unaufgefordert weiter gearbeitet und Ideen gesammelt. In die geschwätzige, StĂĽhle-rĂĽckende Unruhe hin sagte Manfred ohne Vorwarnung „Ich möchte etwas sagen"! Noch bevor ich irgendeine Ă„uĂźerung machen konnte, kam es aus ihm herausgestĂĽrzt: " Ich wollte Euch sagen, dass mein Schweigen nichts mit Euch zu tun hat. Mein Sohn ist tot, er hatte einen Unfall mit seinem Moped, in einer Kurve, gegen die Leitplanken, war so fort tot. Meine Frau kommt da besser mit zurecht, in unserem Dorf sind schon zwei Jungs durch Unfall umgekommen, auch im Nachbardorf, ich weiĂź nicht, was ich tun soll, mein Sohn ist tot, ja auch im Nachbardorf, - auch der    " und, und, und.

Ich erinnere nicht mehr, wie viel verunglückte Kinder aufgezählt wurden. Es schien so, als habe er Verkehrsunfallberichte der letzten Zeit in sich gespeichert und müsse nun alle Opfer auf einmal nach außen bringen.

Wir saĂźen mit angehaltenem Atem.

Ich merkte, wie meine Professionalität in Gefahr geriet. Auch andere Gruppenmitglieder hatten Tränen in den Augen oder suchten nach Fassung. Dieses unerwartet über uns gekommene Grauen, der komprimierte Schmerz nahm uns jegliche Lebendigkeit. Dieser Sturzbach von Unglück und Leid, herausgestoßen mit einer hastigen Stimme ohne Klang und jede Gefühlsregung machte nicht nur mich schockgefroren. Wir waren innerhalb von Minuten zu seinem Spiegelbild geworden.

Ich sprach darüber, was sein Bericht in mir ausgelöst hatte und ich fragte ihn, ob wir weiter darüber sprechen sollten. „Wenn die Anderen nichts dagegen haben?" Die Anderen nickten zustimmend, sein Nachbar legte ihm wortlos die Hand auf die Schulter. Ich brachte das Gespräch auf die unterschiedliche Bewältigung des Elternpaares und fragte Manfred, woran er festmachen würde, dass seine Frau mit dem Tod des Jungen besser zurecht komme. Möglicherweise konnte hierin ja auch ein Ansatz liegen, den wir für ihn nutzen konnten. Er wusste es nicht.

Und er berichtete uns, dass seine Frau schon im ersten Trauerjahr ihre Tätigkeiten im örtlichen Sportverein wieder aufgenommen hatte. Sie sei Gymnastiklehrerin und sie leitete dort eine Mädchengruppe. Gleichzeitig sei sie Schatzmeisterin. Dann sänge sie noch im Gospelchor ihrer Kirchengemeinde, halbtags sei sie im Gemeindebüro tätig. Sie hätte ihn immer wieder gebeten, wenigstens in den Verein mitzukommen, da er früher die Volleyball Mannschaft trainiert hätte. Manchmal hätte er schon gewollt aber wegen der Schmerzen, die immer schlimmer geworden wären, sei das unmöglich gewesen.

Sie ging auch jede Woche zum Grab, er war seit der Beerdigung nicht mehr dort gewesen. Als er das sagte, hatte ich plötzlich eine Idee zu seinen Beschwerden. Er mied die Begegnung mit seinem Kind. Konnte es nicht sein, dass er beim Tod des Sohns quasi vor Entsetzen erstarrt war? Sagt man nicht, dass jemand starr vor Schreck ist? Seine Lebensfunktionen waren auf ein Mindestmaß eingestellt. Wenn Menschen ihre Gefühle nicht mehr durch Worte oder Handlungen ausdrücken können muss der Körper die Sprache übernehmen.

Normalerweise entspannt sich die Muskulatur nach der berühmten Schrecksekunde, so dass Bewegungen in Richtung Angriff oder Flucht wieder erfolgen können. Das war bei Manfred nur in Maßen möglich, er funktionierte nur noch irgendwie, trug sein Kreuz. Ohne Schaden zu nehmen kann so eine Dauerbelastung nicht lange aufrechterhalten werden. Der Körper beginnt zu schmerzen und das zumeist an seiner schwächsten Stelle. Bei Manfred war der Rücken seine schwächste Stelle.

Aber unabhängig von körperlichen Vorgängen übernahmen die Schmerzen noch andere Funktionen. Sie sprachen von seinem großen Kummer, hinderten ihn, ins Leben zurückzukehren, in ein Leben ohne sein Kind.

Ich atmete tief durch. Mein Kopf und mein Herz wussten: durch seine Mitteilung an uns war Manfred der erste Befreiungsschritt gelungen. Er hatte seine Sprache wiedergefunden, die Gefühle würden sich in Worte kleiden lassen und der Körper konnte Ruhe finden.

Autorin: Carmen Franz