Chefsekretärin im privaten und beruflichen Leben

Barbara war im Schwarzwald als älteste von fĂĽnf Geschwistern (die anderen waren Jungs) geboren. Der Vater besaĂź ein Hotel in dem die Mutter als Hauswirtschafterin arbeitet. In dieser Stellung verharrte sie auch in der Ehe. Der dominierende Vater bestimmte das Leben. Auch die Erziehungsrichtlinien wurden vom Vater „herausgegeben", streng, konservativ und leistungsorientiert, „es herrschte das Prinzip ‚schwarz oder weiĂź', es gab keine Zwischentöne". Mutter habe mit eiserner Disziplin darĂĽber hinweggesehen. „von meiner Mutter habe ich Haltung bewahren gelernt, man lässt sich nicht gehen".

In Vaters Welt galt Mädchenintelligenz nicht viel, deshalb durfte Barbara auch nicht das Abitur machen. Sie wurde stattdessen auf die Handelsschule geschickt um dort die Fertigkeiten zu erlernen, die sie fĂĽr Vaters BĂĽroarbeiten brauchte. Trotz ihrer offenkundigen Benachteiligung, tat sie alles, um ihren Vater zufrieden zu stellen. Er nahm alles und gab nichts, bis Barbara sich in einen Hotelgast verliebte und mit ihm in seine norddeutsche Heimat zog. Die Ferienliebe hielt nicht lange.

Barbara arbeitete als Sekretärin eines Chefarztes in einer groĂźen Klinik. Sie umsorgte ihn, wie ehemals Papa, mit groĂźer Hingabe. Präzise, perfekt dirigierte sie ihn durch den Patienten - Operations- und Vortragsdschungel. Machte abends seine Privatabrechnungen. Umsorgte seine Kollegen-Gäste, die sich bei ihr mit Blumen bedankten. Ein kameradschaftliches Schulterklopfen von ihm war ihr ausreichend Dank. Jahre gingen dahin, die Gattin starb, Barbara ĂĽbernahm fortan auch deren Sorge fĂĽr saubere Hemden und Socken. Barbara war glĂĽcklich. Der Hexenschuss kam an einem herrlichen Urlaubssommertag.

Der Hausarzt verordnete Ruhe und Schonung, Medikamente und Geduld. Das war eine bittere Pille, denn Geduld war fĂĽr Barbara ein Fremdwort. Sie war nur froh, dass sie der Hexenschuss im Urlaub traf, während der Arbeitszeit wäre das eine Katastrophe gewesen. Undenkbar sich ins Bett zu legen, während der Betrieb auf Hochtouren lief. Wenn auch innerlich zappelnd, hatte sie eine Woche Ruhe ĂĽberstanden. Der RĂĽcken machte sich zuweilen bemerkbar, sie gab nichts drauf, nach vier Wochen hatte sie die Hexenattacke vergessen. Der Chef war auch glĂĽcklich. Endlich Hoffnung auf einen aufgeräumten Schreibtisch, einen ordentlich gefĂĽhrten Terminkalender, Konzentration des Wesentlichen fĂĽr ihn, Alltägliches von ihr herausgefiltert und aufgearbeitet.

Das darf wird nie vorbei sein, glaubten beide. Auch die Arbeit, als er einen groĂźen Kongress in seine Stadt holte. Mitten in den Kongressvorbereitungen versagte ihr der RĂĽcken erneut seinen Dienst, der Notarzt brachte sie in die Klinik, der Neurochirurg nahm sich ihrer Bandscheibe an und verordnete anschlieĂźend Ruhe und Schonung. Sie verweigerte die Rehabilitation in einer auswärtigen Klinik, pendelte am Ort zwischen Krankengymnastik und Schreibtisch, konnte vor Schmerz nicht in den Schlaf kommen. Dank der pharmazeutischen Industrie ĂĽberstand sie den Kongress, dann brach sie zusammen. Re-Operation, diesmal Rehabilitation in einer Fachklinik. Vier Wochen, acht Wochen, zwölf Wochen. Endlich der Tag der Befreiung, der Abreise. Es ging ihr nicht gut, der Schmerz wollte nicht weichen.

Immer wieder musste sie fĂĽr Tage zu Hause bleiben. Das Schlimmste was ihr passieren konnte trat ein: sie konnte sich nicht mehr voll und ganz auf sich verlassen – auch er nicht. Das war fĂĽr sie ganz unerträglich. Sie spĂĽrte, wie ihr vertrautes Verhältnis Risse bekam. Seine Ungeduld wurde immer deutlicher. Trotz aller Bedenken und entsprechenden Kommentaren von seiner Seite, fuhr sie zur Rehabilitation, um sich grĂĽndlich auszukurieren. ZurĂĽckgekehrt fĂĽhlte sie sich den Aufgaben wieder gewachsen, freute sich auf den ersten Arbeitstag und sah das Unfassbare –an ihrem Schreibtisch saĂź eine junge, gut angezogene Dame, die sich verlegen als ihre Vertretung vorstellte. Die Tatsachen sprachen eine andere Sprache.

Barbara glaubte nicht, was sie sah. Ihre persönlichen Sachen waren in Kartons verstaut in ein kleines Nebenzimmer gestellt worden. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie auĂźer sich vor Empörung und stellte ihren Chef zur Rede. Der tat so, als verstĂĽnde er ihre Aufregung gar nicht und erklärte die Veränderung mit abteilungsinternen Sachzwängen und letztlich auch mit RĂĽcksichtnahme auf ihre angeschlagene Gesundheit. ,Man wĂĽsste ja nie – und mal abwarten – das sie mĂĽsse doch verstehen – natĂĽrliche könnte keine sie ersetzen –wäre auch nicht gemeint – nur vorĂĽbergehend - er habe Verantwortung – auch fĂĽr sie – sie solle sich erst mal beruhigen.

Während ich Barbaras Geschichte aus meinen Aufzeichnungen zusammenfasste, hatte ich unser erstes Treffen sehr lebendig vor Augen. Vor mir saĂź eine auĂźerordentlich gepflegte 60-jährige Frau mit einem eigentlich hĂĽbschen jugendlichen Gesicht, aus dem sich aber schon nach den ersten Sätzen ein ununterbrochener Tränenstrom ergoss. Obwohl die kränkende Degradierung bei unserem ersten Gespräch schon Monate zurĂĽck lag, zeigte die heftige Reaktion, dass die Verletzung frisch wie am ersten Tag war. Sie berichtete, dass sie versucht hatte, unter den neuen „Übergangsbedingungen“ zu leben. Sie wollte wie ihre Mutter Haltung bewahren. Es gelang ihr weder psychisch noch körperlich. Immer wieder spielte ihr der RĂĽcken einen Streich und sie musste fĂĽr Tage zu Hause bleiben. Um die fĂĽr sie unerträglich gewordene Situation zu ändern, suchte sie nach einer andere Stelle in der Klinik. Das fĂĽhrte zu nichts. GerĂĽchte verbreiten sich schnell, so wollte wahrscheinlich niemand das Risiko, eine möglicherweise häufiger kranke Mitarbeiterin einzustellen, eingehen.

Verspannung – Angst –Angst – Verspannung – eine unendliche Geschichte war in Gang gesetzt. Ich versuchte Barbara davon zu ĂĽberzeugen, dass dieser Teufelskreis kein dauerhaft zu ertragendes Schicksal sein mĂĽsste, sondern zu durchbrechen wäre. Sie konnte lernen, wenigstens an dieser Stelle einen kĂĽhleren Kopf zu bekommen, um die Angst - Katastrophengedanken -Lawine frĂĽhzeitig zu stoppen. Durch die Vermittlung von Schmerzbewältigungsstrategien konnte sie ein StĂĽck Kontrolle ĂĽber Gedanken, GefĂĽhle und ihren Körper wiedererlangen. Wir hatten gerade begonnen, einen Therapieplan aufzustellen, als sich das nächste UnglĂĽck ankĂĽndigte.

Barbaras Halswirbelsäule machte Beschwerden. Sie musste auch hier operiert werden. Eine Versteifungsoperation im unteren RĂĽcken an stand auch an. Mir drängte sich der Gedanke auf, dass hier ein RĂĽckgrad StĂĽck fĂĽr StĂĽck zerbrach. Wir sahen uns nach einem halben Jahr wieder. Sie war auf Anraten ihrer Ă„rzte sehr schnell frĂĽhzeitig berentet worden und quälte sich durch die unendlich lang gewordenen Tage und schlaflosen Nächte. Ein neuer Ăśberlebenskampf begann, der Kampf um eine angemessene Schmerzmedikation. Barbara traf leider zunächst auf Ă„rzte, die Morphium oder morphinähnliche Medikamente aus unterschiedlichen GrĂĽnden nicht verordneten wollten, Ihr verantwortungsvoller Hausarzt hatte andere, ernstzunehmende Bedenken. Er befĂĽrchtete nicht so sehr die als Schrecken an die Wand gemalte Abhängigkeit, sondern die Gegenreaktion des Körpers, der sich nicht so einfach sein Schmerzempfindungssystem auĂźer Kraft setzen lässt. Er wird schmerzempfindlicher und die gewählte Dosis reicht nicht mehr aus. Die Folge wäre mehr Medikamente, mehr Nebenwirkungen. Diese Doppelgesichtigkeit dieser Medikamente machte die Entscheidung nicht gerade leicht.Letztlich entschlossen sich Arzt und Patientin gemeinsam zu einer Schmerztherapie mit Opiaten, die ihr ein menschenwĂĽrdiges Leben ermöglichte und ihre Bewegungsfreiheit wiedergab. Sie entschloss sich in ihre schwäbische Heimat zurĂĽckkehren.

Der RĂĽcken schien sich stabilisiert zu haben, ĂĽber ihrer Seelenwunde hatte sich nur ein dĂĽnner Schorf gebildet. 

Autorin: Carmen Franz