Weiterbildungsordnung

§ 4  Weiterbildungsinhalte

1) Folgende Inhalte sollen vermittelt werden:

  • Interdisziplinäre Grundlagen, bzw. Grundkenntnisse
  • neuroanatomische, physiologische und biochemische Grundlagen des Schmerzes und des Schmerzerlebens
  • kognitive, emotionale, verhaltensbezogene und psychodynamische Grundlagen der Schmerzreaktion und Schmerzmodulation sowie deren Interaktion
  • funktionelle Aspekte von Schmerzempfindung, -verhalten sowie von Schmerzausdruck und –kommunikation
  • individuelle Entwicklungsverläufe, die das spätere Auftreten von Schmerzstörungen fördern können
  • ätiologische und funktionelle EinflĂĽsse psychischer und somatischer Komorbiditäten
  • soziale und interkulturelle Grundlagen des Schmerzes und des Umgangs mit Schmerz
  • Erkrankungen und körperliche Erfahrungen, die zu chronischen Schmerzen fĂĽhren können
  • Grundkenntnisse in medizinischer Diagnostik und medizinischen Interventionsverfahren bei Schmerzen einschlieĂźlich Pharmakotherapie des Schmerzes
  • Grundkenntnisse der Physiotherapie und anderer körperbetonter Verfahren bei Schmerzzuständen
  • Verfahren der  Qualitätssicherung

2) Psychologische Schmerzdiagnostik
Hierzu zählen insbesondere Verfahren zur Selbstbeobachtung schmerzrelevanten Verhaltens und Erlebens, schmerz-anamnestische und biographische Verfahren (strukturierte Interviews), Fragebögen zur Erfassung subjektiver Schmerz- und Krankheitsüberzeugungen, quantitative und qualitative Verfahren zur Schmerzmessung, Fragebögen und Beobachtungsverfahren zum Ausmaß der Beeinträchtigung durch Schmerzen, Verfahren zur Erfassung der Schmerzbewältigung, Befindensmessung, psychophysiologische Messmethoden und fremddiagnostische Verfahren (z. B. Einbezug von Angehörigen).
Die Diagnostik sollte im interdisziplinären Zusammenhang und entsprechend MASK (Multiaxiale Schmerzklassifikation), ICD-10, DSM-IV und/oder der operationalisierten psychodynamischen Diagnostik (OPD) erfolgen sowie den Stellenwert des Schmerzes bei der Störungsentwicklung differentialdiagnostisch berücksichtigen.

3) Behandlungsgrundsätze

Geeignet für die Fort-/Weiterbildung sind wissenschaftlich evaluierte Verfahren, die unter anderen folgende Ziele erreichen können:

Sie sollen das Verständnis eines biopsychosozialen Krankheitsmodells fördern und den Patienten durch Edukation für eine Spezielle Schmerzpsychotherapie öffnen und motivieren.
Sie sollen zu einer Dämpfung schmerzbedingter physiologischer Hyperaktivierung beitragen. Geeignet sind autosuggestive und heterosuggestive Verfahren sowie Kombinationen derselben auch unter Einsatz technischer Hilfsmittel.

Sie sollen die Aufmerksamkeitslenkung beeinflussen. Hierzu gehören z.B. Übungen zur Schmerzfokussierung und Schmerzdefokussierung, imaginative Übungen und hypnotische Verfahren.

Sie sollen zur Veränderung schmerz- und stressrelevanter Kognitions- und Verhaltensmuster fĂĽhren. Hierzu gehören u.a.  behaviorale Verfahren zur Schmerzimmunisierung und kognitiven Umstrukturierung, suggestive Verfahren, Verfahren zur Förderung von KontrollĂĽberzeugungen und positiven Kognitionen.

Sie sollen zur Förderung des emotionalen Wohlbefindens und der positiven Bewältigungsstrategien der Patienten beitragen. Hierzu gehören die emotionale Stützung bei chronischen Schmerzleiden, schmerzverstärkenden Komorbiditäten (z. B., Angst, Depression) und Kognitionen (z.B. Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit) sowie Hilfen bei der Bewältigung lebensbedrohender, von starken Schmerzen begleiteter Krankheiten.

Sie sollen der Lösung von schmerzrelevanten Problemen dienen, die sich durch äußere Bedingungen wie Partnerschaftskonflikte, Überlastung am Arbeitsplatz usw. ergeben.
Sie sollen Gesundheitsverhalten fördern, Aktivitäten aufbauen und ein ausgewogenes Verhältnis von Aktivität und Regeneration ermöglichen.
Sie sollen zur Verarbeitung intrapsychischer, auch unbewusster Konflikte und dadurch ausgelöster Ängste, Selbstsicherheits- und Selbstwertprobleme beitragen.

4) Behandlungsmethoden

Hierunter sind Ansätze zu fassen, die insbesondere

 

  • eine positive Veränderung des psychisch (durch psychologische Faktoren, wie z. B. : Lernmechanismen, kognitive Prozesse, Konflikt-produzierende Erfahrungen, Somatisierung) mitbedingten, entstandenen oder aufrechterhaltenen Schmerzerlebens und -verhaltens bewirken können,
  • Aktivitäten fördern und den Patienten bei einem trotz der Behinderung ausgefĂĽllten und aktiven Leben unterstĂĽtzen,
  • zur Rehabilitation motivieren und der Integration eines veränderten Körperbildes in das Selbstkonzept des Patienten dienen,
  • Kompetenzen vermitteln und Schmerz verstärkende Handlungen in der sozialen Umwelt beeinflussen,
  • unter BerĂĽcksichtigung der Risikofaktoren fĂĽr eine Suchterkrankung Hilfen bei der Schmerzmittelreduktion einschlieĂźlich Entzugsbehandlung vermitteln,
  • Fähigkeiten der Patienten zur Selbsthilfe und Kommunikation fördern,
  • zusammenfassend geeignet sind, im Rahmen eines multimodal ausgerichteten Behandlungskonzepts unter Einschluss medizinischer, physiotherapeutischer und anderer körperorientierter wie krankenpflegerischer Verfahren wesentlich zur Schmerzreduktion beizutragen.