PLACEBO-EFFEKT JETZT „GESELLSCHAFTSFÄHIG“

MEDIKAMENTE PLUS PSYCHOLOGIE – RECHTZEITIG!

Mit Psychologie die Medikamentenwirkung erhöhen

 

11. DGPSF-TAGUNG, UNIVERSITĂ„T HAMBURG, 12. JUNI 2009.

Der Placebo-Effekt – ein komplexer Vorgang aus Lernen und Erwartung – wird additiv zur medikamentösen Therapie bei Schmerzpatienten eingesetzt und hat jetzt in den offiziellen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur Schmerztherapie Eingang gefunden. „Gesellschaftsfähig“ geworden ist der Placebo-Effekt, weil sich dank ihm die Wirksamkeit medikamentöser Therapie gezielt zum Wohle des Patienten steigern lässt. „Es geht ausdrücklich nicht darum, effektive Schmerzmedikamente durch Placebos, also Scheinmedikamente, zu ersetzen, sondern den Placebo-Effekt als Additiv zu begreifen, welcher jedes wirksame Schmerzmedikament über seine rein pharmakologische Wirkung hinaus optimieren kann,“ so Dr. Regine Klinger, Leiterin der Hochschulambulanz Verhaltenstherapie an der Universität Hamburg und Placebo-Forscherin. Und dies möglichst schon bei Akutschmerz, also bevor das „Kind in den Brunnen gefallen“ ist. Psychotherapie kann im frühen Stadium dafür sorgen, dass die Selbstwirksamkeit des Patienten im Umgang mit dem Schmerz aufgebaut und damit gleichzeitig negative Effekte auf das Schmerzgedächtnis verhindert werden. „Psychologie: rechtzeitig! – das Motto unserer wissenschaftlichen Tagung – bedeutet, dass wir Schmerzpsycho-therapeuten einer Chronifizierung vorbeugen können. Die wissenschaftlich erwiesene Wirkung darf betroffenen Schmerzpatienten nicht vorenthalten werden“, schlussfolgert Dr. Regine Klinger. Mit diesem Paradigmenwechsel in der Positionierung der Schmerzpsychotherapie bieten sich völlig neue Chancen zur Prävention der Volkskrankheit Chronischer Schmerz.

FASZINATION PLACEBO: DAS „ADDITIV“ ZUM SCHMERZMEDIKAMENT

Als Placebo-Effekt bezeichnet man grundsätzlich eine positive Veränderung im Körper aufgrund einer symbolischen Bedeutung, die einem Ereignis oder einem Objekt in einer heilenden Situation zugeschrieben wird. Die aktive Komponente, die Einbeziehung des Patienten in den therapeutischen Vorgang, schärft sein Bewusstsein ĂĽber Krankheitsvorgänge, steigert die Selbstwirksamkeit bzw. die Selbstheilungskräfte und verstärkt die medikamentöse Wirkung. Dr. Regine Klinger hat in der Hochschulambulanz schon vielen Schmerzpatienten mit dieser additiven psychologischen Therapie helfen können, Ihre Krankheit besser zu bewältigen und die Schmerzen zu reduzieren. „Also nicht Pille schlucken – fertig aus, sondern positive Effekte bewusst nutzen und sich die Zeit nehmen, die Medikamentenwirkung zu verstehen, nachzufragen und Ă„ngste abzubauen“, erklärt die Therapeutin und Placebo-Forscherin. 

PLACEBO: VOODOO-ZAUBER ODER GEZIELTES VORGEHEN?

Der Placebo-Effekt sei eben kein Voodoo-Zauber, sondern eine neuere Erkenntnis der Wissenschaft, so Dr. Regine Klinger. „Wir nutzen den Placebo-Effekt zum Beispiel, indem wir die Patienten ermuntern, das Medikament gezielt in Situationen einzunehmen, die zur Schmerzbewältigung beitragen. Dabei helfen Entspannungsübungen, Bäder, angenehme Düfte, das Aufbauen positiver Gedanken“, so Dr. Regine Klinger. Auf die Kurzformel gebracht: Der Patient wird instruiert, er erhält positive und realistische Informationen über das Medikament und kann so eine positive Erwartungshaltung aufbauen. Gleichzeitig macht er Lernfortschritte, indem er Aussehen und Geschmack eines Medikaments bewusst im Zusammenhang mit seiner Wirkung wahrnimmt. Dr. Regine Klinger: „Der Placebo-Effekt ist keine Magie, sondern der gezielte Einsatz psychologischer Strategien zur Schmerzbewältigung. Und nirgendwo anders lässt sich das Spektrum der Wirksamkeit psychologischer Interventionen besser erkennen als im Placebo-Effekt.“

„UPDATE PLACEBO-EFFEKT“:  NEUE CHANCEN FĂśR SCHMERZPATIENTEN UND VOLKSWIRTSCHAFT

Das Verständnis des Placebo-Effektes, die pharmakologische Wirkung der Schmerzmedikamente additiv zu optimieren, statt sie zu ersetzen, ist ein ganz neues und hat gleichermaĂźen hohe Bedeutung fĂĽr Schmerzpatienten und Volkswirtschaft. Um die Vorteile fĂĽr Patienten und Gesellschaft in Zukunft nutzen zu können, baut die Deutsche Gesellschaft fĂĽr Schmerztherapie- und Forschung e. V. (DGPSF) ein flächendeckendes Netz psychologischer Schmerztherapeuten auf und will die psychologische Schmerztherapie als festen Bestandteil der Versorgung etablieren. DGPSF-Präsident Professor Michael Pfingsten von der Universität Göttingen: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die  interdisziplinäre Schmerztherapie bzgl. Schmerzreduktion, Schmerzmittel-Verbrauch, Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen, RĂĽckkehr an den Arbeitsplatz und Beendigung sozialmedizinischer Verfahren ĂĽberlegen ist, sowohl im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen als auch im Vergleich mit medikamentösen Monotherapien. Jetzt gilt es, diese gesicherten Erkenntnisse in die Tat – nutzbringend fĂĽr Patient und Volkswirtschaft – umzusetzen.“


* Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat in ihrer S3-Leitlinie erstmals empfohlen, bei Menschen vor und nach Operationen im Akutschmerz-management die so genannte Placebowirksamkeit zu nutzen. S3-Leitlinie zur „Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“, AWMF-Register Nr. 041/001, http://leitlinien.net)


Kontakt:
Dr. Regine Klinger, Vizepräsidentin der DGPSF
Universität Hamburg
Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz
Verhaltenstherapie/Fachbereich Psychologie
Von-Melle-Park 5
20146 Hamburg
T 49(0)40-428-38-53 74 (Anrufbeantworter)
M +49 (0)176-22 60 12 83
F +049-40-428-38-60 72
E-Mail: rklinger@uni-hamburg.de
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