NOTE DES PRĂ„SIDIUMS

NOTE DES PRÄSIDIUMS DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR PSYCHOLOGISCHE SCHMERZTHERAPIE UND –FORSCHUNG E. V. (DGPSF) ZUR TAGUNG

„Psychologie: Rechtzeitig! Dem Schmerz keine Chance“
12. – 13. Juni 2009 in Hamburg

PSYCHOLOGISCHE SCHMERZEXPERTEN IN FORSCHUNG, WEITERBILDUNG UND VERSORGUNG: DIE DGPSF

Die Deutsche Gesellschaft für psychologische Schmerztherapie und –forschung (DGPSF) ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft für psychologische Schmerzexperten in Forschung, Weiterbildung und spezieller schmerzpsychotherapeutischer Versorgung. Sie verbindet ein interdisziplinäres Verständnis von Schmerz, welches biologische, psychologische und soziale Faktoren der Schmerzentstehung und -aufrechterhaltung integriert.

PROBLEM SCHMERZ: HOHE BELASTUNGEN FĂśR PATIENT UND VOLKSWIRTSCHAFT

  • Epidemiologische Schätzungen gehen von ca. 5 bis 8 Mio. Patienten mit chronischen, behandlungsbedĂĽrftigen Schmerzen in Deutschland aus (BMBF-Newsletter 2006).
  • Die renommierte Studie von Breivik et al. (2006), in der das Vorkommen von chronischen Schmerzen in 15 Europäischen Ländern untersucht wurde, ergibt ein mittlere Auftretenshäufigkeit von 19% aller europäischen BĂĽrger (in Deutschland 17%). Erschreckend ist, dass in dieser Befragung nur 2% aller Betroffenen angab, spezialisierte schmerztherapeutische Versorgung erlebt zu haben.
  • Durchschnittlich dauert es bei Kopfschmerzpatienten 18 Jahre, bei Patienten mit RĂĽckenschmerzen 10 Jahre und Patienten mit Nervenschmerzen bzw. Neuralgien etwa ein Jahr, bis sie sich Rat bei Schmerz-therapeuten holen (Erika Schulte, CharitĂ©, 2006).
  • Rund drei bis fĂĽnf Prozent der Bevölkerung leiden an täglichen chronischen Kopfschmerzen; etwa zwölf bis 14 Prozent aller Frauen und sechs bis acht Prozent aller Männer haben hierzulande Migräne; jedes zweite Kind zwischen sieben und 14 Jahren klagt ĂĽber Spannungskopfschmerzen (Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft - DMKG, Universität Göttingen: Birgit Kröner-Herwig, Universität Essen: Hans Christopf Diener).
  • Zwischen 30 und 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden unter täglichen RĂĽckenschmerzen (Schmidt et al. 2007). Bei einer Punktprävalenz von 37% haben ca. 12% der Bevölkerung aktuell RĂĽcken-schmerzen mit schwerer Beeinträchtigung des täglichen Lebensvollzuges. Bzgl. der Kosten fallen durch RĂĽckenschmerzen in Deutschland ca. 50 Mrd. Euro jährlich an Aufwändungen an, wobei der Löwenanteil (65%) auf eine kleine Gruppe von hoch chronifizierten Patienten (16%) entfällt, bei der somatische Faktoren die Genese/Ausrechterhaltung nicht hinreichend erklären können (Wenig et al. 2008).
  • Jedes pflichtversicherte Krankenkassenmitglied fehlt wegen RĂĽckenschmerzen durchschnittlich zwischen zwei und 3,5 Tagen am Arbeitsplatz (VDR, Verband Deutscher Rentenversicherungsträger).

SCHMERZPATIENTEN BRAUCHEN SPEZIALISTEN AUS MEDIZIN UND PSYCHOLOGIE

Schmerz ist ein bio-psycho-soziales Geschehen, bei dessen Behandlung besondere Kenntnisse und therapeutische Fähigkeiten sowie die Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit erforderlich sind. Chronische Rücken- oder Kopfschmerzen, Migräne, Neuropathien, akuter sowie Tumor- und postoperativer Schmerz haben immer somatische und psychische Faktoren – sowohl in der Entstehung der Erkrankung als insbesondere auch in deren Aufrechterhaltung (Traue et al. 2006). Prospektive Studien zeigen – hier prototypisch für den chronischen Rückenschmerz – dass psychologische Faktoren für den Übergang vom akuten zum chronischen Schmerz die bedeutendsten Varianzanteil in der Prognose liefern (z.B. Europäische Leitlinienkommission, Airaksinen et al. 2006).

WIRKSAMKEIT DER SCHMERZPSYCHOTHERAPIE BEI CHRONISCHEN PATIENTEN ERWIESEN

Die Effektivität psychologischer Schmerztherapie bei Patienten mit chronischen Schmerzen ist inzwischen hinreichend belegt. Dabei haben sich insbesondere kognitiv-behaviorale Ansätze als erfolgreich erwiesen (Flor u. Herrmann 2007). Sowohl im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen als auch im Vergleich mit medikamentösen Monotherapien konnte die Überlegenheit der interdisziplinären Schmerztherapie bzgl. Schmerzreduktion, Analgetika-Verbrauch, Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen, Rückkehr an den Arbeitsplatz und Beendigung sozialmedizinischer Verfahren nachgewiesen werden (Meta-Analyse von Morley et al. 1999). Für den (chronischen) Rückenschmerz hat eine Arbeitsgruppe aus Schweden in zwei aufwändigen prospektiven Studien nachgewiesen, dass durch eine frühzeitige Identifikation und Berücksichtigung psychosozialer Risikofaktoren, die eine spezifische kognitiv-behaviorale Intervention nach sich ziehen, enorme Kosten eingespart werden können (Linton u. Nordin 2006).

ZU SPĂ„T ZUM SPEZIALISTEN: UMDENKEN IN DER VERSORGUNG ERFORDERLICH

Tatsächlich aber ist für die Mehrzahl der Schmerzpatienten – insbesondere im niedergelassenen Bereich – eine psychotherapeutische Mitbehandlung nicht realisiert. Eher selten werden (Schmerz-)Psychotherapeuten bei Diagnosestellung oder Behandlung eingebunden (Willweber-Strumpf et al. 2000). Dieser Mangel führt u. a. dazu, dass Patienten, bei denen die Aufrechterhaltung ihrer Schmerzsymptomatik vorrangig durch psychologische Faktoren bedingt ist, nicht frühzeitig genug identifiziert werden und sie mitunter eine jahrelange Odyssee mit somatischen und z. T. invasiven Behandlungen durchlaufen, die letztlich bestenfalls ineffektiv bleiben, schlimmstenfalls zu weiteren Schädigungen und Komplikationen führen. Damit entstehen nicht nur langwieriges Leiden auf Seiten der Patienten, sondern auch hohe Kosten im Gesundheitssystem (Pfingsten u. Nilges 2007).

AKADEMIE FĂśR SCHMERZPSYCHOTHERAPIE MIT SECHS STANDORTEN IN DEUTSCHLAND

Es ist eines der wichtigsten Ziele unserer Fachgesellschaft DGPSF, die Fort- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Schmerzpsychotherapie zu fördern. Deshalb hat die DGPSF Ende 2005 eine Akademie für Schmerzpsychotherapie gegründet, die curriculare Lehrveranstaltungen an der Standorten Bochum, Nord (Hamburg, Kiel, Lübeck) und Mainz durchführt und an weiteren Standorten (München, Bad Salzuflen und Berlin) koordiniert.

WEITERBILDUNG GEMEINSAM MIT DEN SCHMERZ-FACHGESELLSCHAFTEN

Die seit 2006 angebotenen Curricula sind innerhalb der vier wichtigsten deutschen Schmerzgesellschaften abgesprochen, also mit

  • unserer Gesellschaft, der DGPSF
  • der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS)
  • der Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DGMK) und
  • der Deutschen Gesellschaft fĂĽr Schmerztherapie (DGS).

Alle vier Gesellschaften haben eine gemeinsame Prüfungskommission gebildet, Richtlinien formuliert und eine Struktur zur Überwachung und Akkreditierung der Curricula erarbeitet. Für die Weiterbildung in „Spezieller Schmerzpsychotherapie“ ist der Umstand von besonderer Wichtigkeit, dass Schmerzpsychotherapie nur in ganz enger Kooperation mit den medizinischen Fachgebieten und Versorgungsstrukturen gelingen kann. Der Umfang des Curriculums ist an der ärztlichen Weiterbildung zur Speziellen Schmerztherapie orientiert.

EXPERTISE DER DGPSF GEFRAGT: MITARBEIT AN VERSORGUNGSLEITLINIEN

In Rheinland-Pfalz ist die Weiterbildungsordnung für die „Spezielle Schmerzpsychotherapie“ bereits seit 20.12.2006 in Kraft. Vorausgegangen war ein sehr kontroverser Diskussionsprozess, in 3 Abstimmungsprozessen über die erste Kammerperiode hinweg wurde die Schmerzpsychotherapie verhandelt und schließlich einstimmig beschlossen! Das Curriculum „Spezielle Schmerzpsychotherapie“ und die laufenden Weiterbildungs-kurse sind ein wichtiges Element der Qualifikation von Psychotherapeuten in einem bedeutenden klinischen Arbeitsfeld. Unsere Expertise wird von den ärztlichen Kollegen gesucht. Vertreter der DGPSF waren und sind an der Ausformulierung mehrerer Versorgungs-Leitlinien beteiligt (Fibromyalgie-Syndrom, nicht-spezifischer Rückenschmerz, Langzeitanwendung von Opioiden bei nicht-tumor-bedingten Schmerzen, Behandlung akuter und postoperativer Schmerzen, Spinal Cord Stimulation). Unter maßgeblicher Beteiligung der DGPSF ist auch die neue ICD-Schmerz-Diagnose F45.41 (Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren) etabliert worden, in der psychischen Faktoren – unabhängig von traditionellen Störungsmodellen – eine wichtige Rolle für Schweregrad, Exazerbation oder Aufrechterhaltung der Schmerzen beigemessen wird, ohne dass sie gleichzeitig eine ursächliche Rolle für deren Beginn darstellen müssen. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat erstmals in ihrer S3-Leitlinie zur „Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“ (AWMF-S3-Leitlinie, AWMF-Register Nr. 041/001, http://leitlinien.net) empfohlen, bei Menschen vor und nach Operationen im Akutschmerzmanagement die so genannte Placebowirksamkeit zu nutzen.

ZIELE DER DGPSF: AUSBAU DER VERSORGUNG MIT PSYCHOLOGISCHEN SCHMERZTHERAPEUTEN

Es ist das erklärte Ziel der DGPSF,

  • psychologische Schmerzforschung zu fördern und ihre Expertise in interdisziplinäre Studien ein-zubringen,
  • schmerzpsychologische Inhalte in die Aus-, Fort- und Weiterbildung sowohl von Psychologen als auch von Ă„rzten und Physiotherapeuten zu integrieren,
  • dem Versorgungssystem eine ausreichende Menge an Kolleginnen und Kollegen mit schmerzpsychologi-scher Fachkompetenz bereitzustellen und
  • die psychologische Schmerztherapie als festen Bestandteil in der Versorgung zu etablieren.

 

DAS PRĂ„SIDIUM DER DGPSF

Michael Pfingsten , Regine Klinger, Michael HĂĽppe, Paul Nilges, Annelie Scharfenstein
 
Harald C. Traue (Past President)