ALLES ĂśBER SCHMERZ UND SPEZIELLE SCHMERZPSCHOTHERAPIE

AKUTER UND CHRONISCHER SCHMERZ

Seit ĂĽber 30 Jahren ist bekannt, dass der chronischen Schmerzkrankheit zwar meist ein akutes Schmerzstadium vorausgeht, chronische Schmerzen sich aber im weiteren Verlauf grundsätzlich von akuten Schmerzen unterscheiden. Bei akutem Schmerz erzeugt das Nervensystem Schmerzimpulse aufgrund von körperlichen Schäden (Verletzungen, Krankheiten), die den Organismus warnen, dass "etwas nicht in Ordnung ist". Wiederholen sich die Schmerzimpulse, kann der Informationsablauf im Nervensystem sich so verändern,  dass er – auch ohne akute körperliche Schäden – weiterhin Schmerzimpulse erzeugt. Aus dem Akutschmerz entstehen chronische Schmerzen. Als "schlechte Angewohnheit des Nervensystems" sind chronische Schmerzen vergleichbar mit ungĂĽnstigen Trainingseffekten beim Sport oder Musizieren. Einmal entstanden, sind solche neuronalen Fehleinstellungen häufig so hochgradig automatisiert, dass sie sich der bewussten Wahrnehmung und Kontrolle weitgehend entziehen. Weitere Möglichkeiten fĂĽr die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen betreffen körperliche Veränderungen, die zwar keine Schädigung oder Erkrankung im eigentlichen Sinne darstellen, sehr wohl aber als "Funktionsstörungen" des Zusammenspiels von z. B. Muskulatur, Gelenken, Durchblutung mit erheblichen Schmerzen verbunden sind. Beispiele dafĂĽr sind bestimmte Kopfschmerzen, die ĂĽberwiegende Mehrzahl der RĂĽckenschmerzen und viele Gesichtsschmerzen.

SCHMERZPSYCHOTHERAPIE: DEN TEUFELSKREIS DURCHBRECHEN
Lang anhaltende Schmerzimpulse können die Schmerzwahrnehmung verändern: Das gesamte Denken, Fühlen und Handeln ist betroffen, was wiederum die Entstehung weiterer Schmerzimpulse fördern kann. Ein Teufelskreis entsteht. Denn wenn wir denken, dass wir nichts gegen die Schmerzen tun können, erscheinen uns die Schmerzen immer bedrohlicher und können sich dadurch sogar verstärken. Auch äußere Einflüsse und Umfeldbedingungen wie z. b. starker Stress, Ängste, Alltagsbelastungen, Druck im Beruf und generell überhöhte Leistungsansprüche können die Schmerzempfindungen verstärken. Informationen, wie Sie den Teufelskreis mit Hilfe der psychologischen Schmerztherapie durchbrechen können, wie eine Therapie abläuft, wo Sie einen Therapeuten sowie Antworten auf häufig gestellte Fragen finden Sie unter diesem Kapitel Schmerzpsychotherapie.

THERAPIEZIEL: VERBESSERUNG DER LEBENSQUALITĂ„T
Die Schmerzpsychotherapie soll helfen, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen und wieder genießen zu können. Menschen, die chronische Schmerzen haben, sind einem großen Leidensdruck ausgesetzt. Ihr Alltag, insbesondere Arbeit und Beziehungen, sind immens beeinträchtigt. Chronische Schmerzpatienten haben das Gefühl, die Kontrolle über ihre Leben zu verlieren. Die Folgen sind Rückzug und Isolation. Ziel der Schmerzpsychotherapie ist es deshalb, sowohl die Schmerzempfindung als auch die mit Schmerzen verbundenen Einschränkungen im Erleben und Verhalten zu verringern. Dabei orientiert sich die Schmerzpsychotherapie an bewährten psychologischen Behandlungsprinzipien und an Erkenntnissen aus der aktuellen psychologischen und medizinischen Schmerzforschung.

ABLAUF DER SCHMERZPSYCHOTHERAPIE
Der Patient sucht sich, z. B. mit Hilfe der Therapeutenliste, einen Therapeuten in Ihrer Nähe und klärt mit diesem ab, ob er ihm weiterhelfen kann oder ihn ggf. weitervermittelt. Nach einer Anmeldung macht er zunächst eine Vorbesprechung. Dabei wird z. B. geprüft, welcher Anteil der bewussten Schmerzempfindung vorwiegend auf organische Schäden rückführbar ist und welcher eher durch Funktionsstörungen bzw. durch ein mehrmonatiges neuronales Fehltraining erklärbar ist. Wichtiger Punkt: Der Patient klärt gemeinsam mit dem persönlichen Therapeut oder der persönlichen Therapeutin das Ziel der Therapie. Es sollte realistisch sein und auch nach Beendigung der Therapie Bestand haben. In der Regel erstreckt sich die ambulante Behandlung auf ungefähr sechs Monate. Die Behandlungskosten werden bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen von den Krankenkassen übernommen und den Versicherungen erstattet.

ANALYSE DES VERHALTENS, DER GEFĂśHLE UND DES UMFELDS
Im diagnostischen Teil werden die biologischen, psychischen und sozialen Faktoren des aktuellen Schmerz-verhaltens und -erlebens erhoben. Nicht nur das Verhalten wird beobachtet, auch Gedanken, Gefühle und Ihre körperlichen Empfindungen werden einbezogen. Außerdem schauen wir das Umfeld an: Wie verhalten sich Freunde und Angehörigen ¬– Familie, Partner, Kollegen? Die Befunde besprechen wir mit den ärztlichen Schmerztherapeuten, um einen integrativen Therapieplan zu erstellen. Anschließend werden Ideen entwickelt, um die ungünstigen Verhaltens- und Empfindungs¬ge¬wohnheiten systematisch zu verändern.

EINĂśBEN SCHMERZ HEMMENDE ERLEBENS- UND VERHALTENSMUSTER
Eine Schmerzpsychotherapie zielt darauf ab, ungünstige Denk- und Verhaltensmuster zu verändern. Wurden diese Verhaltens- und Erlebensstile schon lange vor dem ersten Auftreten des Schmerz¬problems erworben, arbeiten wir mit eher mit Konflikt-, Gedanken- und Beziehungsanalysen. Sind diese ungünstigen Verhaltens-weisen zeitlich beim Auftreten des Schmerzproblems entstanden, kommen eher modifikatorische Therapie-prinzipien wie Aktivitätsänderung, Verhaltenslenkung und Biofeedback zum Einsatz. Schmerz hemmen¬de Erlebens- und Verhaltensmuster werden eingeübt, bis spürbare Verringerungen der chronischen Schmerz-empfin¬dung und der damit verbundenen Einschränkung in der Lebensgestaltung erfolgen. Parallel wird von ärztlicher Seite die medizinische Schmerztherapie durchgeführt. Erfahrungsgemäß gelingt es häufig zuerst, die schmerzbedingten Einschränkungen im alltäglichen Leben zu verringern, während sich die Abnahme der Schmerzempfindung erst mit einiger Verzögerung einstellt.

EINZEL- ODER GRUPPENTHERAPIE
Gruppen haben den Vorteil, dass sich die Patienten über ihre Probleme austauschen und gemeinsam nach neuen Wegen suchen. Dieses ist aller Erfahrung nach sehr belebend und positiv. In der Einzeltherapie hat der Patient die Möglichkeit, sich sehr intensiv mit Ihrem eigenen Problem ausein¬ander¬zusetzen. Unabhängig davon, ob er eine Einzel- oder eine Gruppentherapie macht, entwickelt er systematisch ein Gesundheitsverhalten, das die Schmerzen verringert und seine Situation generell stabilisiert. Er verarbeitet psychische Konflikte und lernt, wieder aktiv zu werden und sich zu entspannen.

 

HĂ„UFIGE FRAGEN UND IHRE ANTWORTEN

Welche Fort- und Weiterbildung haben Schmerzpsychotherapeuten?
Es sind Psychologinnen und Psychologen mit einer Ausbildung zum Psychotherapeuten. Die Psychotherapeuten haben auĂźerdem eine Fort- und Weiterbildung in spezieller Schmerzpsychotherapie nach den gemeinsamen Richtlinien aller wissenschaftlichen Schmerzfachgesellschaften.

Ist die Schmerzpsychotherapie von den Kassen zugelassen?
Die Leistungen sind von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen zugelassen und werden mit den Krankenkassen abgerechnet bzw. von den Versicherungen erstattet.

Wie lange dauert eine Therapie?
Therapien können individuell sehr unterschiedlich sein. Eine Kurzzeittherapie dauert 25 Stunden und geht über ca. ein halbes Jahr.

Wie lange dauert eine Sitzung?
Eine Sitzung dauert in der Regel 50 - 60 Minuten. Manchmal sind auch Doppelstunden mit etwa 100 Minuten sinnvoll.

Können Psychotherapeuten Schmerzen lindern?
Psychotherapeuten können bei chronischen Schmerzen wertvolle Hilfe leisten. Sie tragen dazu bei, gemeinsam mit dem Patienten Umfeldbedingungen zu schaffen, die das Schmerzgeschehen positiv beeinflussen.

Kann ich bei einer Schmerzpsychotherapie auf Medikamente verzichten?
Eine Schmerzpsychotherapie ist kein Ersatz für die medizinische bzw. medikamentöse Therapie, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Wir arbeiten eng mit den Ärztinnen und Ärzten im Sinne einer optimalen interdisziplinären Therapie für unsere Patienten zusammen.

Sind meine Schmerzen eingebildet, weil ich eine Psychotherapie mache?
Die Schmerzen existieren real und sind sogar chronisch geworden. Wir Psychologen arbeiten an den ungĂĽnstigen Einstellungen und den Umfeldbedingungen, die die Schmerzen aufrechterhalten.

Bin ich psychisch krank, weil ich eine Psychotherapie mache?
Als Schmerzpsychotherapeuten gehen wir davon aus, dass bestimmte Verhaltensmuster oder psychische Auffälligkeiten das Schmerzproblem aufrechterhalten und setzen genau daran an.