SCHON AKUTSCHMERZ PSYCHOLOGISCH BEHANDELN

Dem Schmerzgedächtnis keine Chance!

11. DGPSF-TAGUNG, UNIVERSITĂ„T HAMBURG, 12. JUNI 2009.

Je früher eine psychologische Behandlung von Schmerzpatienten einsetzt, desto gezielter wird einer Chronifizierung, dem Entstehen von Dauerschmerzen und der eigenständigen Schmerzkrankheit, entgegengewirkt. Auch Patienten mit Akutschmerz laufen schon Gefahr, dass sich das Nervensystem diesen Zustand abspeichert und erlernt. Nach neuesten Erkenntnissen sollte Psychotherapie daher sogar schon bei akutem Schmerz eingesetzt werden, um negative Effekte auf das Schmerzgedächtnis zu verhindern, erklärt Professor Herta Flor vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der Universität Mannheim. So ließ sich in einer Längsschnittstudie zum Phantomschmerz zeigen, dass 40% der ein Jahr nach der Amputation auftretenden Phantomschmerzen sich aus der Depression und dem Katastrophendenken vor der Amputation sowie aus den vor der Amputation erlebten Schmerzereignissen vorhersagen ließen. Auch der Schmerz und der Medikamentenverbrauch nach einer Operation sind um ein Vielfaches geringer, wenn dem Patienten vor der Operation das Gefühl der Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit vermittelt wird. Auch beim chronischen Rückenschmerz sagt die Anzahl vorhergehender akuter Beschwerden am besten die Chronifizierung vorher.

TEUFELSKREIS AKUTSCHMERZ-STRESS-SCHMERZ

Man hat erkannt, dass akute Schmerzen vor allem dann chronifizieren, wenn sie mit negativen emotionalen Lernprozessen einhergehen: „Patienten, die unter Akutschmerz leiden, entwickeln Ă„ngste, fĂĽhlen sich hilflos und ohnmächtig, weil sie die Kontrolle ĂĽber ihren Körper verloren zu haben scheinen. Dazu kommen die Gedanken ĂĽber eine plötzlich ungewisse Zukunft, ĂĽber das mögliche Ausfallen aus dem Arbeitsprozess und ein damit einhergehender Dauerstress fĂĽr den Patienten“, erklärt Professor Herta Flor den Teufelskreis von Schmerz und Stress. Mit Schmerz einhergehende psychologische Prozesse wie Angst, Depression, Unvorhersagbarkeit, Unkontrollierbarkeit und Stress verstärken den akuten Schmerz und seine zentralnervöse Verarbeitung und  „Abspeicherung“.

SCHMERZBEWĂ„LTIGUNG: MAN KANN SELBST ETWAS TUN!

Um dem Patienten zu helfen, müssen so genannte kognitive Umstrukturierungen vorge-nommen werden. „Wir unterstützen den Patienten dabei, positive Gedanken und Perspektiven zu entwickeln und beziehen ihn aktiv in die Therapie mit ein. Er bekommt das Gefühl und das Vertrauen, dass er selbst etwas tun kann. Er erhält damit ein Gefühl von Selbstwirksamkeit in der Bewältigung seiner Schmerzen“, berichtet die Schmerz-Forscherin.

SCHMERZGEDÄCHTNIS: DURCH „VERLERNEN“ DIE SPUREN LÖSCHEN

Als weitere besonders sinnvolle Therapieansätze haben sich das „Extinktionstraining“ und die „Erwartungsinduktion“ herausgestellt, um langfristige negative Effekte akuter Schmerzen auf der subjektiven, der Verhaltens- und der zentralnervösen Ebene zu verhindern: „Wir versuchen, beim Patienten eine positive Erwartung in Bezug auf den Krankheitsverlauf hervorzurufen. Mit dem Extinktionstraining gehen wir gezielt die Reize an, die als Schmerzverstärker gelten. Indem wir diese reduzieren und abstellen, können wir bestimmte Gedächtnisinhalte löschen.“ Der Reiz verliert die Fähigkeit, die Schmerzreaktion auszulösen und wird damit „verlernt“. Ein wichtiger Input wird durch Stress selbst hervorgerufen. Dazu muss der Patient aber zunächst erkennen, welche Situationen für ihn spezifisch Stress auslösend sind. Verändert er dann schrittweise diese Situationen, können die Auslöser für Schmerz abgestellt oder zumindest verringert und eine Schmerzreduktion erreicht werden. „Stresssituationen abbauen, vermeiden, verändern, bedeutet, dem Schmerz den „Nährboden“ zu nehmen“, so Herta Flor.

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Universität Hamburg
Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz
Verhaltenstherapie/Fachbereich Psychologie
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